Erklärung, Beschreibung und Bedeutung über Antijudaismus im Neuen Testament

Antijudaismus im Neuen Testament Bedeutung, Erklärung und Definition.

Dieser Artikel befasst sich mit einer besonderen Form von Judenfeindlichkeit. Dort findet man eine Übersicht zu anderen Formen und Links zu verwandten Themen.

Antijudaismus im Neuen Testament ist ein Kapitel des Themas "Antijudaismus": Denn dieses meint die besondere Judenfeindlichkeit im Christentum, die im Neuen Testament schon begann.

Während die christliche Theologie früher unkritisch und unreflektiert ihre Judenfeindlichkeit aus dem Neuen Testament herleitete, ist dies seit dem Holocaust am europäischen Judentum nicht mehr möglich. Seitdem hat eine intensive Debatte um den Stellenwert und Charakter antijüdischer Aussagen in den urchristlichen Schriften begonnen.

Diese Debatte wird nicht nur von Christen, sondern auch von jüdischen Theologen und Historikern geführt. Die Erforschung und Erklärung des neutestamentlichen Antijudaismus ist ein zentrales Element im jüdisch-christlichen Dialog. Sie spielt darüber hinaus auch im allgemeinen Religionsdialog und in der Antisemitismus-Forschung eine wichtige Rolle.

Dass das Neue Testament Antijudaismus enthält, begründet und rechtfertigen konnte, wurde nicht erst seit 1945 erkannt. Darum stellt der Artikel auch frühere Forschungsansätze zum Thema dar.

Christen müssen sich heute der Frage stellen, ob Antijudaismus für das Neue Testament konstitutiv ist, oder ob der urchristliche Glaube eine gründliche Revision der europäischen Kirchengeschichte und eine Erneuerung des Verhältnisses zu den Juden, zum Judentum und zu Israel ermöglicht und erfordert.

Religiöse Ursprünge: Antijudaismus im Neuen Testament

Antijudaismus ist ein spezifisch christliches Phänomen. Er ist schon im Neuen Testament (NT) zu finden, das im 2. Jahrhundert n. Chr. entstand.

  • Das Markusevangelium begründete die spätere Theorie vom "Gottesmord" und der "Verwerfung" Gesamtisraels als Volk Gottes (Mk 12, 9).

  • Das Matthäusevangelium stellte die jüdische Partei der Pharisäer als Feinde Jesu und der Christen dar und verzerrt so ihr historisches Bild, obwohl Jesus ihnen nahe stand. Dort findet man auch die "Selbstverfluchung" , die Christen später an Juden vollstreckten: "Sein Blut komme über uns und unsere Nachkommen!" (Mt 27,25).

  • Das Johannesevangelium sieht "die" Juden als Vertreter der alten, von Satan beherrschten Welt, die Christus ablehnt und die er besiegt: "Ihr habt den Teufel zum Vater...Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit...Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht...weil ihr nicht von Gott seid." (Joh 8,44ff) Dasselbe Evangelium hält gleichwohl fest: "Das Heil kommt von den Juden!" (Joh 4,22)

  • Für Paulus hat Christus den Heilsweg der Tora beendet (Röm 11,4), so dass nur noch der Glaube an ihn zum Heil führt (Gal 3,13f). Das verstand christliche Exegese als Ablösung des Judentums durch die Kirche. (...Heute übersetzt man Röm 11,4: "Christus ist das Ziel (telos) des Gesetzes". Gerade Paulus bekräftigte daher die endgültige Erwählung Israels (Röm 11,2), an die er alle Christen bleibend erinnerte. Er verstand das Evangelium als Einbeziehung der Völker in den Abrahambund und verpflichtete die Christen auf künftige Erlösung ganz Israels: Röm 9-11 ...wird später in einen Teil "kirchliche Aufarbeitung" verschoben). Paulus erklärt 1.Thess. 2,15 zudem, dass die Juden Jesus, die Propheten und nun auch die christliche Gemeiende verfolgten. Während das erste kaum haltbar ist, so ist die Verfolgung der urchristlichen Gemeinde durch Paulus' eigene Vita (Apg 5-9) sowie durch das Achtzehnbittengebet gedeckt.

  • Die Apostelgeschichte unterschied zwar historisch korrekt Sadduzäer als Verfolger und Pharisäer als Fürsprecher der Urchristen (Apg 5,17ff), periodisierte aber die Missionsgeschichte und legte so ebenfalls Israels Ablösung durch die universale Kirche nahe. - Die Missionspredigt des Stefanus etwa polemisierte (Apg 7,51ff): "Ihr Halsstarrigen, mit verstockten Herzen und tauben Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem heiligen Geist, wie eure Väter, so auch ihr. Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? ..." Ähnlich scharf hatte Jesus selber im Anschluss an die Gerichtspropheten seine Mitjuden kritisiert (Beleg).

  • Die Johannesoffenbarung sah Christen als wahre Juden gegenüber der "Satanssynagoge" und legte deren Zwangsbekehrung nahe (Apk/Offb 3,9): "Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, daß ich dich geliebt habe." Andererseits erwartete sie das "neue Jerusalem" als Gottesstadt vom Himmel her und bestätigte damit jüdische Prophetie und Apokalyptik (Beleg).

Diese grobe Übersicht zeigt schon, dass "Judenfeindlichkeit" kein generelles Kennzeichen urchristlicher Theologie war. Ihre Verzerrungen sind vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu sehen und theologisch zu relativieren (s.u.). Entscheidend für den späteren gesamtkirchlichen Antijudaismus wurden aber die miteinander verknüpften Theorien,

- dass das "Alte" Testament überholt oder kein gültiges Wort Gottes mehr sei

- dass der Tod des Messias Jesus Christus von allen Juden aller Zeiten verschuldet war

- dass Israel deshalb nicht mehr das auserwählte Gottesvolk, sondern Gottes Bund mit ihm auf die Kirche übergegangen sei.

(Fortsetzung folgt...)

Literatur

  • Thiede, Carsten Peter / Stingelin, Urs: Die Wurzeln des Antisemitismus. Judenfeindschaft in der Antike, im frühen Christentum und im Koran; Gießen: Brunnen 2002; ISBN 3-7655-1264-8


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