Ethel Mary Smyth Bedeutung, Erklärung und Definition.
Dame Ethel Mary Smyth (* 23. April 1858; †8. Mai 1944 in Woking), bekannter als Ethel Smyth, war eine englische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und eine der Mitkämpferinnen der britischen Suffragettenbewegung.Ethel Smyths Leben war wesentlich davon geprägt, sich als Komponistin durchzusetzen und als solche Anerkennung in der Öffentlichkeit zu finden. Während ihre musikschaffenden Vorgängerinnen wie Clara Schumann oder Fanny Hensel eher "nebenher" komponierten, war es Ethel Smyths Anspruch, in ihrer Arbeit gleichwertig zu ihren männlichen Kollegen gesehen zu werden und davon zu leben. Die Kompositionen von Ethel Smyth umfassen Sinfonien, Chorwerke und Opern. Ihre bekannteste Oper ist The Wreckers (deutsch Strandrecht). Ihr bekanntestes Werk ist allerdings The March of Women, das zu einer Hymne der englischen Frauenbewegung wurde.
Die von dem amerikanischen Maler John Singer Sargent 1901 geschaffene Kohlezeichnung "Ethel Smyth singt", die ihre vitale Persönlichkeit einfängt, befindet sich heute in der National Portrait Gallery in London.
Ethel Smyth entstammt einer sehr typischen viktorianischen Familie der oberen Mittelschicht, deren männlichen Mitglieder - wenn sie nicht die militärische Laufbahn einschlugen - Karriere als Bischof, Kaufmann oder Bankier machten. Ihr Vater John H. Smyth war Generalmajor und diente lange in der bengalischen Armee. Ungewöhnlicher war ihre Mutter Nina Struth, die ihre Jugend in Paris verbrachte und besser Französisch als Englisch sprach.
Ethel war ein temperamentvolles, eigenwilliges Kind: mit vierzehn Jahren wurde sie kurzzeitig in ein Mädchenpensionat entsendet, weil sie daheim als "unmanageable" (nicht beherrschbar) galt. Nach Hause zurückkehren durfte sie, nachdem zwei ihrer Schwestern für Töchter ihrer Schicht angemessene Ehen eingingen. Ethel wurde daheim benötigt, um der Aufsicht der übrigen drei Schwestern behilflich zu sein.
Ethel Smyths Wunsch, Musik zu studieren, wurde daheim entschieden abgelehnt. Ihre Kontakte zu einem Ehepaar - er war Musiker, sie Schriftstellerin -, mit denen sie Wagnerpartiturenpartituren und die Berliozschesche Instrumentationslehre studierte, wurden vom Vater rüde unterbunden. Immerhin gewährte ihre Familie, dass sie in London Clara Schumann Werke von Johannes Brahms spielen hören konnte.
1877 erkämpfte sie sich endlich die Zustimmung ihrer Familie, in Leipzig Musik studieren zu dürfen. Vorausgegangen war ein Psychoterror ihrerseits: Mit Hungerstreik, eisigem Schweigen und der Verweigerung von den Aktivitäten, die einer jungen Lady ihrer Schicht eigentlich anstanden - nämlich Kirch-, Dinner- und Ballbesuchen - , setzte sie ihre Absicht durch. Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger macht deutlich, wie ungewöhnlich diese Pläne waren:
Das Leipziger Konservatorium enttäuschte sie. Die Lehrer (darunter Carl Reinecke, der sie in Kompositionslehre unterrichtete) schienen ihr nicht ernsthaft genug: sie kamen zu spät zum Unterricht, interessierten sich nicht wirklich für die von den Studenten vorgelegten Kompositionen und schienen lieber den Unterricht mit Anekdoten als mit wirklichem Inhalt zu würzen.
Wichtiger als der Unterricht am Leipziger Konservatorium wurde daher der Kreis der Musiker, in dem sie sich nun bewegen konnte, nachdem sie die engen Fesseln ihrer Familie abgelegt hatte. Nach wie vor gelten für sie jedoch auch die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, die sie in ihrer unkonventionellen Art gelegentlich trickreich unterläuft:
Im Hause der Herzogenbergs nahm Ethel Smyth sehr intensiv am Kulturleben von Leipzig teil. Sie lernte Clara Schumann, Anton Rubinstein, Max Friedländer, Edvard Grieg und Johannes Brahms persönlich kennen und war mit der jüngsten Tochter von Mendelssohn, Lili Wach, eng befreundet. Insbesondere Brahms verkehrte viel im Hause der Herzogenbergs. Zu Brahms, der komponierenden Frauen gegenüber starke Vorbehalte hatte, entwickelte Ethel Smyth jedoch ein distanziertes Verhältnis: einerseits bewunderte sie ihn, andererseits verletzte sie seine ablehnende Haltung gegenüber Komponistinnen. Bissig schrieb sie über ihn, dass er hübsche Frauen anstarre "wie gefräßige Jungs ein Stück Torte".
Im Herbst 1882 zog Ethel Smyth für eine kurze Zeit nach Florenz, wo die Schwester von Elisabet von Herzogenberg, Julia Brewster lebte. Das Verhältnis zu Julia Brewster war anfangs sehr innig. Julia Brewsters Ehemann, der wohlhabende Literat Henry Brewster, verliebte sich jedoch bald heftig in (die eigentlich eher lesbisch orientierte) Ethel Smyth. Zwischen Julia und Henry Brewster kam es daraufhin zum Bruch, der auch dazu führte, das sich Elisabet von Herzogenberg von Ethel Smyth abwendete. Unter diesem Bruch litt Ethel Smyth sehr intensiv. Sie versuchte bis 1890, ihre Freundin Elisabet von Herzogenberg zurückzugewinnen und erst nach dem Tod von Elisabet im Jahre 1892 ließ Ehtel sich in eine Beziehung mit Henry Brewster ein. Diese Beziehung blieb jedoch noch mehrere Jahre rein platonisch. In ihrer Autobiographie What happened next schildert sie mit entwaffnender Offenheit, wie sie sich 1895 dazu entschließt, auch sexuell eine Beziehung mit Henry Brewster einzugehen und spricht von einer "erhabenen Kapitulation" ihrerseits.
Die enge Beziehung zu Henry Brewster hielt bis zu seinem Tode 1908 an. Der Opernfreund Henry Brewster brachte sie darüber hinaus dieser Kunstform näher und sollte für Ethel Smyth alle ihre zukünftigen Opernlibretti schreiben.
Die Entwicklung bis zu den ersten öffentlichen Erfolgen Anfang der 1890er Jahre war für Ethel Smyth durch eine Reihe von Misserfolgen geprägt. Die deutschsprachiger Lieder und Balladen, die in England in den 1880er Jahren aufgeführt wurden, fanden keinen Widerhall und Joseph Joachim ließ sich herablassend über ihre kammermusikalischen Kompositionen aus. 1887 kehrte sie nach Leipzig zurück und begegnete dort dem russischen Komponisten Pjotr I. Tschaikowski. Er beeinflusste ihre weitere kompositorische Entwicklung und regte sie an, sich vor allem auf dem Gebiet der Instrumentationslehre weiter auszubilden, was dazu führte, dass sie sich zunehmend großer Orchestermusik zuwandte. Die Instrumentation war während ihrer ersten Zeit in Leipzig vernachlässigt worden - in ihrer Biographie begründet sie dies damit, dass ihre Lehrer wesentlich von Brahms beeinflusst waren und für diesen die Instrumentation keine große Rolle spielte. Über Herzogenberg, der sie so maßgeblich in ihrer frühen Zeit beeinflusste, schrieb sie später, dass seine Instrumentalisierungen so miserabel gewesen wären, dass sie seine orchestrierten Stücke, mit denen sie als Klavierduos bestens vertraut war, kaum wiedererkannte.
Ethel Smyths erster großer Erfolg, die Mass in D (deutsch Messe in D), war die musikalische Verarbeitung einer heftigen Verliebtheit in die römisch-katholische Pauline Trevelyan. Die Messe in D ist eines der wichtigsten Werke von Ethel Smyth, sie selbst hielt es für ihre beste Arbeit. Die Uraufführung der Messe in der Royal Albert Hall in London verdankte Ethel Smyth jedoch letztlich ihren gesellschaftlichen Beziehungen. Zu den Bekannten der Familie gehörte auch die exilierte französische Kaiserin Eugénie de Montijo, die mit der Messe wohlvertraut war, da ein Teil des Werkes entstanden war, als Ethel Smyth zu Gast in ihrem Ferienhaus war. Sie arrangierte, dass Ethel Smyth Königin Viktoria und ihrem Hofstaat auf Schloss Balmoral Teile der Messe vorspielen durfte (ein Erlebnis, zu dem Smyth angesichts der dort allgegenwärtigen Schottenmuster auch kommentierte, dass es "schmerzhafter ästhetischer Konzessionen bedarf, Königin von Schottland zu sein"). Dieses Vorspiel und die Zusage Eugénies sowie mehrerer Mitglieder des englischen Königshauses, der Uraufführung beizuwohnen, sorgte dafür, dass sich die Konzertleitung der Royal Albert Hall bereit fand, die Messe der noch weitgehend unbekannten Komponistin im März 1893 zur Aufführung zu bringen. Die Aufführung war ein Erfolg, George Bernard Shaw schrieb eine begeisterte Kritik, während ein anderer Kritiker sich darüber amüsierte "eine Komponistin zu sehen, die versucht, in dem hochfliegenden Bereiche der musikalischen Kunst zu steigen."
Trotz dieses Erfolges war es für Ethel Smyth schwierig, ein Opernhaus zu finden, dass bereit war, ihre ersten Opern aufzuführen. Da in Großbritannien es nur eine einzige professionelle Opernbühne gab, versuchte sie ihr Stück an einem der vielen deutschen Opernhäuser zur Aufführung zu bringen. Die anstrengende Rundreise zu den deutschen Bühnen absorbierte einen Großteil ihrer künstlerische Energie: Wenn sie vor Ort Dirigenten fand, die ihre Werk aufführen möchten, fehlte es an Zustimmung seitens der Intendanz. Nachdem es Ethel Smyth jedoch gelang, Großherzog Carl Alexander in Weimar für ihr Werk zu interessieren, kam ihre Oper Fantasio 1889 am Hoftheater Weimar zur Uraufführung. Wie Eva Weissweiler schrieb, war der Publikumserfolg beträchtlich, aber die aus allen Teilen Deutschlands zugereisten Kritiker ergingen sich in den üblichen Klischees. Nur die Orchestrierung wurde gelobt. Trotz einer hervorragenden Aufführung 3 Jahre später, begann Ethel Smyth an ihrem Werk so zu zweifeln, dass sie ihre Komposition im Garten ihres englischen Landhäuschens verbrannte.
Die Uraufführung der Oper Der Wald fand 1902 an der Staatsoper Berlin statt, fand dort jedoch kein begeistertes Publikum. Der Wald wurde noch im selben Jahr im Covent Garden in London aufgeführt und ein Jahr später an der Metropolitan Opera in New York herausgebracht. Die Premiere in New York war ein voller Erfolg - ein Kritiker schrieb über den Abend:
In ihrem autobiographischen Buch What happened next schrieb Ethel Smyth:
Sowohl die englische Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst als auch Rhoda Garrett hatten schon zuvor versucht, Ethel Smyth für ihre Sache zu gewinnen. Erst der Tod von Henry Brewster 1908, der bei Ethel Smyth eine längere persönliche Krise auslöste, und lange Diskussionen mit dem Wiener Dramatiker Hermann Bahr und seiner Frau Anna von Mildenburg, einer berühmten Wagnerinterpretin führten dazu, dass sich Ethel Smyth 1910 mit aller Konsequenz den militanten englischen Frauenrechtlerinnen anschloss und Mitglied der Organisation The Women's Social and Political Union wurde. Sie vernachlässigte in dieser Zeit ihre kompositorische Arbeit jedoch nicht vollkommen. 1910 entstanden ihre drei Sonnenaufgangslieder, deren drittes, The March of Women zur Hymne und zum Kampflied dieser Bewegung wurde. Die Uraufführung dieses Liedes fand am 21. Januar 1911 anlässlich einer Zeremonie an der Pall Mall in London statt.
Als Protest gegen die Verweigerung des Frauenwahlrechts provozierte Ethel Smyth bewusst ihre Verhaftung und eine anschließende zweimonatige Gefängnisstrafe, indem sie am 12. März 1912 die Fensterscheiben des Hauses des britischen Kolonialsekretärs einwarf. Sie war damit Teil einer Gemeinschaftsaktion von insgesamt 150 bis 200 Frauen, die zum Zeichen ihres Kampfeswillen um das Frauenwahlrecht rund um die Londoner Oxford Street nahezu sämtliche Scheiben zerstörten. Der Dirigent Thomas Beecham besuchte sie in ihrem Gefängnis in Holloway, in dem Ethel Smyth mit zahlreichen weiteren englischen Frauenrechtlerinnen inhaftiert war. Über diesen Besuch schrieb er:
Ethel Smyth widmete zwei Jahre intensiv den Zielen der britischen Frauenrechtsbewegung und unterstütze diese bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen unterbrachen die Frauenrechtlerinnen während des Weltkriegs ihre Aktivitäten; nach dem Ersten Weltkrieg wurde ihnen das Wahlrecht zugesprochen.
Nach zwei Jahren intensiven Mitkampfs in der englischen Suffragettenbewegung wand sich Ethel Smyth wieder verstärkt dem Komponieren zu. Da erste Anzeichen auftraten, dass ihr Gehör in Mitleidenschaft gezogen war, fuhr sie 1913 auf Anraten ihrer Ärzte nach Ägypten und begann dort an ihrer neuen Oper The Boatswain's Mate zu arbeiten.
Ethel Smyth selbst verbrachte die Zeit des Ersten Weltkriegs überwiegend in Frankreich. Sie arbeitete von 1915 bis 1918 als Radiographin in der Nähe von Vichy. Der Krieg hatte tiefgreifende Auswirkungen auf ihr künstlerisches Schaffen: Ihre Oper The Boatswain's Mate sollte in der Saison 1914/1915 am Frankfurter Opernhaus aufgeführt werden, und Bruno Walter wollte The Wreckers in München zur Aufführung bringen. Aufgrund des Kriegsausbruches im August 1914 kam es nicht zu den geplanten Aufführungen.
In Vichy entdeckte Ethel Smyth jedoch ein weiteres ihrer Talente: Sie begann das erste ihrer autobiographischen Werke zu schreiben, dass sofort nach Erscheinung ein großer Erfolg war und den Nebeneffekt hatte, dass aufgrund der so erzielten Popularität nach 1920 viele ihrer Kompositionen aufgeführt wurden, dass Rundfunkproduktionen mit ihren Arbeiten entstanden und Thomas Beecham The Prison für die BBC produzierte.
The Prison war ihr Spätwerk und entstand trotz fortgeschrittener Taubheit. Mit dieser Symphonie für Soli, Chor und Orchester wollte Ethel Smyth die Lebensphilosophie ihres langjährigen Begleiters Henry Brewster bekanntmachen.
In ihren letzten Lebensjahren wand sie sich fast ausschließlich dem Schreiben zu. Sie fühlte sich sehr heftig zu der 24 Jahre jüngeren Virginia Woolf hingezogen, der sie jahrelang fast täglich schrieb. Woolf spottete häufig über Ethel Smyth (In einem Brief an Vita Sackville-West schrieb Wolf beispielsweise über ihre Freundin: Ethels neuer Hund ist tot. Die Wahrheit ist, kein Hund kann die Anstrengung aushalten, mit Ethel zu leben.); gleichzeitig war die Beziehung für beide jedoch bereichernd.
Ethel Smyth starb 1944 im Alter von 86 Jahren im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, wenige Tage nachdem sie anlässlich der Einweihung eines Denkmals für ihre längst verstorbene Freundin Emmeline Pankhurst die Londoner Metropolitan Police Band dirigiert hatte.
Einen wohlwollenden Kritiker, der sie über Jahrzehnte begleiten wird, fand Ethel Smyth dagegen in George Bernard Shaw. Er war derjenige, der sich von Beginn an weigerte, dem Geschlecht des Komponisten in der Bewertung des Werkes irgendeine Bedeutung beizumessen. Er verglich ihre Arbeiten mit Händel und stellte ironisch die Überlegung an, wieviel "männlicher" im Vergleich zu Händel ihre Arbeit und wie "feminin" die Arbeiten von Mendelssohn und Arthur Sullivan seien.
Neben Shaw schätzten aber auch namhafte Musikschaffende wie Bruno Walter, Arthur Nikisch und Thomas Beecham ihre Arbeiten und waren maßgeblich daran beteiligt, dass ihre Werke zur Aufführung kamen. Sängerinnen wie beispielsweise Blanche Marchesi verzichteten auf ihr Honorar, um Werke von Ethel Smyth zur Aufführung zu bringen.
Wie andere, vergleichbar begabte Komponisten, musste Ethel Smyth um ihre Anerkennung als Musikschaffende kämpfen. Ob sie in der Anerkennung durch die Öffentlichkeit dadurch beeinträchtigt wurde, dass sie eine Frau war oder die Exotik als komponierenden Frau ihr eher behilflich war, bekannt zu werden, ist ein noch immer nicht entschiedener Disput zwischen Musikwissenschaftlern. Ethel Smyth selbst empfand ihr Geschlecht als hinderlich in ihrer künstlerischen Entwicklung und die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger weist auf eine nicht unwesentliche Einschränkung hin, die Ethel Smyth als Frau hinnehmen musste:
Bis 1887 schrieb sie ausschließlich Kammermusik wie beispielsweise ihr Streichquintett in E-Dur, op. 1, dass 1884 entstand. Insbesondere in diesen Werken zeigt sich, dass ihre musikalische Ausbildung vor allem in Leipzig stattfand und sie stark von der deutschen Spätromantik beeinflußt war; Nach dem Erfolg der "Messe in D", die sich - wie Eva Rieger in ihrem Essay über Ethel Smyth schrieb - durch "meisterhafte kontrapunktische Partien und farbige Instrumentierung" auszeichnet, wandte sie sich vor allem der Oper zu, die als Genre sowohl ihrer Fähigkeit zu Dramatik als auch zur kraftvollen und lebendigen Orchestrierung entsprach.
The Wreckers (deutsch Strandrecht) gilt bis heute als Ethel Smyth wichtigstes Bühnenwerk. Der Musikkritiker Richard Specht widmete unter dem Eindruck dieser Oper im Dezember 1911 in der Zeitschrift Der Merker sowohl Ethel Smyth als auch ihrem Werk einen langen Artikel, in dem er unter anderem schreibt:
Mittlerweile werden ihre Werke zunehmend wieder aufgeführt: Der Norddeutsche Rundfunk spielte im September 2004 eines ihrer kammermusikalischen Werke ein, in Mannheim wurde 2002 ihre Messe in D aufgeführt. In den letzten Jahren sind darüberhinaus eine Reihe neuer Aufnahmen mit ihrem Werk entstanden.
Neben der Tatsache, dass sie ohne Frage eine sehr fähige Komponistin war, deren Werk sich mit dem ihrer männlichen Zeitgenossen messen kann, trägt dazu auch bei, dass die Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre die Aufmerksamkeit auf kunstschaffende Frauen lenkte, so dass heute sowohl Musikschaffende als auch das Publikum willens und neugierig sind, sich mit den kompositorischen Werk einer Frau auseinanderzusetzen. Damit kehrt sich nun ihr Geschlecht zum Vorteil um, was keineswegs im Sinne Ethel Smyths ist.
Bruno Walter schrieb in seiner Autobiographie Thema und Variationen über Ethel Smyth:
Unabhängig davon, ob Woolfs Urteil über den literarischen Wert von Ethel Smyths Büchern zutrifft, sind ihre Werke wichtige Zeitdokumente. Ethel Smyth begegnete im Laufe ihres Lebens sowohl wesentlichen Persönlichkeiten der kulturellen Szene als auch Personen aus den damaligen Herrschaftshäusern. Sie war Tischpartnerin von Kaiser Wilhelm II, Gast von Königin Viktoria von England, Freundin der französischen Ex-Kaiserin Eugénie und wurde von Winnaretta Singer, der Prinzessin Edmond de Polignac, gefördert. Unabhängig davon, ob sie den angemessenen Umgang zwischen einer französischen Ex-Kaiserin und einer herrschenden britischen Königin beim Durchschreiten einer Tür schildert oder ob sie beschreibt, wie sie mit Emmeline Pankhurst das Einwerfen von Fensterscheiben übt, geschieht dies mit Beobachtungsgabe und Ironie.
Bereits 1910 erhielt Ethel Smyth die Ehrendoktorwürde seitens der Durham University, der eine zweite seitens der Oxford University 1926 und eine dritte 1928 durch die St. Andrews University folgte. 1922 erhob König Eduard VII Ethel Smyth als Dame of the British Empire in den englischen Adelsstand.
Anlässlich ihres 75. Geburtstag wurde sie in England im großen Stil gefeiert. Die Feierlichkeiten begannen mit einem Konzert in der Queen's Hall und einem Dinner mit dreihundert Gästen. Der Abschluss war am 3. März die von Thomas Beecham dirigierte Aufführung ihrer Messe in D in der Royal Albert Hall. Sie selbst war zu diesem Zeitpunkt schon fast völlig ertaubt, verfolgte die Aufführung aber gemeinsam mit Königin Mary von der königlichen Loge aus.
(Auswahl)
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Familie und frühe Erziehung
Gemeinsam mit fünf Schwestern und einem Bruder wuchs Ethel Smyth in der Nähe der englischen Ortschaft Sidcup auf. Die sechs Schwestern wurden von deutschen Gouvernanten erzogen, darunter eine, die ein vollständiges Klavierstudium am Leipziger Konservatorium hinter sich gebracht hatte. Unter dem Einfluss dieser Gouvernante lernte Ethel Smyth die Musik Beethovens, Schuberts und Schumanns kennen, und in Ethel reifte der Wunsch heran, gleichfalls in Leipzig Musik zu studieren.
Immerhin war es in Leipzig möglich, als Frau überhaupt Komposition zu studieren - ihrer Zeitgenossin Sabine Lepsius, die an der Berliner Musikhochschule studierte, wurde dort der Zutritt zur Kompositionsklasse verwehrt.Am Leipziger Konservatorium
Sehr engen Kontakt hatte Ethel Smyth anfangs zu der Familie Röntgen. Engelbert Röntgen, Leiter des Leipziger Gewandhausorchesters, ermutigte sie in ihren Kompositionen fortzufahren, indem er das Rondothema ihrer ersten Klaviersonate mit Kompositionen von Mozart verglich. Auch das wohlhabende, kinderlose Ehepaar Herzogenberg förderte sie stark: Als sie nach einem Jahr Studium das Leipziger Konservatorium verließ, nahm sie bei Heinrich Aloysius von Herzogenberg, der Präsident des Leipziger Bachvereins war, Privatunterreicht. Die Herzogenbergs nahmen sie gleichsam als Ersatztochter an. Die Bindung zu der 11 Jahre älteren Elisabet von Herzogenberg war jedoch noch wesentlich enger: die beiden verband ein Liebesverhältnis, dass Heinrich von Herzogenberg entweder ignorierte oder nicht wahrnahm. Begegnung mit Henry Brewster
Begegnung mit Tschaikowski
Uraufführung der Messe in D
Die ersten Opernaufführungen
Die schwierige Aufgabe, Bühnen zu finden, die ihre Opern aufführten, setzten sich trotz der erfolgreichen Aufführungen weiterhin fort. Zu den Personen, die sie persönlich überzeugen wollte, gehörte unter anderem auch der berühmte Dirigent Bruno Walter, der über die erste Begegnung mit ihr schrieb:
Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. In Wien brachte Bruno Walter ihre Oper The Wreckers zwar nicht zur Aufführung, aber er dirigierte das Vorspiel zum zweiten Akt dieser Oper häufiger in Konzerten und dirigierte die Oper 1910 in London.Ethel Smyth und die Englische Frauenbewegung
Ethel Smyth entzog sich jedoch lange der Unterstützung der Frauenbewegung. Sie hielt ein politisches Engagement nicht mit ihrer künstlerischen Kreativität vereinbar und verließ England 1908, um nicht in die sich zunehmend radikalisierende Auseinandersetzungen um das Frauenwahlrecht einbezogen zu werden.
Thomas Beechams Anekdote unterschlägt allerdings, dass viele der Frauenrechtlerinnen in den britischen Gefängnissen misshandelt wurden (insbesondere wenn sie sich Hungerstreiks anschlossen) und zahlreiche von ihnen mit starken gesundheitlichen Schäden entlassen wurden.
Der Beitrag von Ethel Smyth zur Emanzipation der Frau liegt sicherlich nicht nur in ihrem aktiven Kampf für das Frauenwahlrecht. Bereits im Dezember 1911 schrieb Richard Specht in Der Merker über Ethel Smyth:
Auch Virginia Woolf sah Ethel Smyth in dieser Rolle. In einer Rede vor der "National Society for Womens's Service" im Jahre 1931 sagte sie über ihre Freundin Ethel Smyth:
1913 - 1944
Die Komponistin Ethel Smyth
Frau und Komponistin
Ähnlich wie Fanny Hensel geb. Mendelssohn oder Clara Schumann, deren Kompositionen von Hans Guido von Bülow zum Anlass genommen wurden, Frauen generell die Fähigkeit zum Komponieren abzusprechen, machte Ethel Smyth die Erfahrung, welche Geringschätzung weiblichen Komponistinnen entgegengebracht wurde. Sie erlebte, wie Brahms, der sich eben noch ernsthaft mit einer ihrer Fugen auseinandersetzt, beleidigend wird, als er erfährt, dass er sich eben mit der Komposition einer Frau beschäftigte. Jeglicher ernsthaften Diskussion mit ihr über ihr Werk entzog er sich. Noch Jahre später schrieb Ethel Smyth in ihren Erinnerungen Ein stürmischer Winter zornig über diese Episode:
Wenige Jahre später amüsierte sich Ethel Smyth über die Einigkeit der Musikkritiker darüber, dass ihrer Arbeit jeglicher femininer Charme fehle. Und dem Wagner-Dirigenten Hermann Levi, der nach dem Hören eines ihrer großen Chorwerke sagte, "Ich hätte nie geglaubt, daß eine Frau so etwas geschrieben hat", erwiderte sie schlagfertig und nüchtern zugleich: "Nein, und mehr noch: Sie werden es auch in einer Woche noch nicht glauben".
Ethel Smyth selbst schrieb über ihre Musik:
Das kompositorische Werk Ethel Smyths
Ethel Smyth hat ein Werk hinterlassen, das von Kammermusik, über Madrigale und Chorwerke und Opern bis zu Sinfonien reicht. Ihr Oeuvre ist insgesamt jedoch verhältnismäßig klein. Einige der Manuskripte gelten als verschollen: so beispielsweise das "Prelude and Fuge for Thin People", das ca. 1883 entstand.
Der Dirigent Thomas Beecham hielt sowohl Teile ihrer Oper The Wreckers, das Chorwerk Hey Nonny No und einige ihrer Lieder für einzigartig in der zeitgenössischen Musik. Zeitgenössisch war ihre Musik in jedem Fall, sie blieb jedoch immer der Spätromantik verhaftet, so dass Kritiker ihr auch "deutsche Schwermütigkeit Brahmsscher Prägung" vorwarfen.Die wiederentdeckte Komponistin
Heute gehören Ethel Smyths Werke weder in Großbritannien noch in Deutschland zum Standardrepertoire der Konzerthäuser und Opernbühnen. Auch das ist ein Schicksal, dass sie mit anderen, ähnlich begabten (männlichen) Komponisten teilt wie beispielsweise Ralph Vaughan Williams und Arnold Bax (Selbst die Werke eines Johann Sebastian Bach galten über einen längeren Zeitraum als so unmodern, dass sie kaum öffentlich gespielt wurden). Ethel Smyth als Schriftstellerin
Da keine Filmdokumente über Ethel Smyth vorliegen, ist das Lesen ihrer autobiographischen Werke heute die beste Methode, sich einen Eindruck darüber zu verschaffen, inwieweit Walters Urteil über die Persönlichkeit von Ethel Smyth zutrifft. Es gibt (männliche) Kritiker, die behaupten, Ethel Smyth hätte besser eine Karriere als Schriftstellerin denn als Komponistin verfolgt. Virginia Woolf, für die Schreiben zwar Lebenselixier, aber gleichzeitig eine Qual war, kommentierte in ihrer Rede vor der National Society for Women's Service ein wenig neidvoll, dass Ethel Smyth "ohne jede Übung in meiner Kunst ein Meisterwerk" hinwerfen könne. Ehrungen
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